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Lauf-Lust

Laufschuhe

Dämpfung und Sprengung

Mehr Dämpfung ist nicht automatisch schonender, und eine niedrige Sprengung ist nicht automatisch natürlicher. Beides verschiebt Last, statt sie zu beseitigen.

Redaktion Lauf-Lust · Veröffentlicht am , aktualisiert am

Die Sprengung ist der Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß in Millimetern, die Dämpfung beschreibt, wie viel und wie weiches Material dazwischen liegt. Beides beseitigt keine Belastung, sondern verteilt sie um: Eine niedrigere Sprengung nimmt Last vom Knie und gibt sie an Achillessehne und Wade weiter, mehr Dämpfung kauft Komfort und kostet Stabilität.

Zwei Zahlen stehen bei fast jedem Laufschuh in der Beschreibung: die Stapelhöhe in Millimetern und die Sprengung. Beide werden regelmäßig missverstanden.

Sprengung

Die Sprengung ist der Höhenunterschied zwischen Ferse und Vorfuß. Bei 10 Millimetern liegt die Ferse einen Zentimeter höher als der Ballen.

Was das bewirkt, ist eine Verschiebung der Last im Bein:

Sprengung Entlastet Belastet stärker
hoch (10 bis 12 mm) Achillessehne, Wade Knie, Hüfte
mittel (6 bis 8 mm) ausgeglichen ausgeglichen
niedrig (0 bis 4 mm) Knie, Hüfte Achillessehne, Wade, Mittelfuß

Daraus folgt eine praktische Regel: Wer wiederkehrende Kniebeschwerden hat, kann mit einer niedrigeren Sprengung experimentieren. Wer Probleme mit der Achillessehne hatte, ist mit einer höheren besser bedient.

Was nicht folgt: dass eine der Varianten grundsätzlich gesünder wäre. Die Marketingerzählung vom “natürlichen Laufen” der Nullsprengung ignoriert, dass ein erwachsener Fuß nach Jahrzehnten in Alltagsschuhen mit Absatz keine natürliche Ausgangslage mehr hat.

Eine Einschränkung gehört zur Zahl dazu: Die Sprengung wird nicht überall gleich gemessen. Manche Hersteller geben den Wert mit Einlegesohle an, andere ohne, und die Einlegesohle allein macht schnell zwei bis drei Millimeter aus. Zwischen zwei Modellen mit angeblich identischen 8 Millimetern kann also ein spürbarer Unterschied liegen. Die Zahl taugt zum Vergleich innerhalb einer Marke besser als zwischen Marken.

Die zweite Zahl: Stapelhöhe

Die Stapelhöhe sagt, wie viel Material insgesamt unter dem Fuß liegt, gemessen unter der Ferse. Sie entscheidet über das Laufgefühl oft stärker als die Sprengung.

Bauart Stapelhöhe Ferse Typischer Einsatz
minimalistisch unter 20 mm Technikläufe, kurze Einheiten, sehr erfahrene Läufer
klassisch 20 bis 30 mm Tempoeinheiten, Wettkampf auf kurzen Distanzen
gedämpft 30 bis 38 mm der Großteil der Wochenkilometer
maximal über 38 mm lange Läufe, höheres Körpergewicht, Regenerationsläufe

Zwei Schuhe mit derselben Sprengung von 8 Millimetern können also völlig verschieden sein: einer mit 38 Millimetern unter der Ferse und 30 unter dem Vorfuß, der andere mit 18 und 10. Der erste ist ein weicher Straßenschuh, der zweite ein flacher Wettkampfschuh. Wer nur auf die Sprengung schaut, vergleicht die falsche Zahl.

Für Straßenwettkämpfe hat World Athletics die Sohlendicke inzwischen begrenzt und zusätzlich geregelt, dass höchstens eine starre Platte verbaut sein darf. Die Obergrenze für Straßenläufe liegt bei 40 Millimetern. Für das Training ist das ohne Belang, für offizielle Bestzeiten nicht.

Der Wechsel

Wenn du die Sprengung um mehr als vier Millimeter änderst, ist das für die Wadenmuskulatur und die Achillessehne eine echte Umstellung. Sie brauchen sechs bis acht Wochen.

Vorgehen: Der neue Schuh kommt zunächst nur in kurzen, lockeren Läufen zum Einsatz, etwa zwei bis drei Kilometer, und wird über die Wochen gesteigert. Der alte Schuh bleibt in dieser Zeit für lange Läufe im Einsatz.

Ein Plan für den Umstieg von 10 auf 4 Millimeter, bei vier Läufen pro Woche:

Woche Neuer Schuh Alter Schuh
1 bis 2 1 Lauf, 3 bis 4 km, locker alle übrigen Läufe
3 bis 4 2 Läufe, bis 6 km, locker langer Lauf und Tempoeinheit
5 bis 6 2 Läufe, einer davon mit Steigerungen langer Lauf
7 bis 8 3 Läufe, erster mittellanger Lauf nach Bedarf

Wer den Schuh direkt für den nächsten langen Lauf nimmt, holt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Wadenkater ab – und mit etwas Pech eine Achillessehnenreizung, die Monate dauert.

Ein Abbruchkriterium gehört dazu: Wenn die Achillessehne morgens nach dem Aufstehen die ersten Schritte lang steif ist, ist die Steigerung zu schnell gewesen. Dann geht es eine Stufe zurück, nicht weiter nach vorn. Mehr dazu unter Achillessehnenbeschwerden.

Dämpfung

Dämpfung reduziert die Kraftspitze beim Aufsetzen. So weit die Theorie. In der Praxis passiert etwas Interessantes: Läufer passen ihre Beinsteifigkeit unbewusst an den Untergrund an. Auf weichem Material wird das Bein steifer, auf hartem weicher.

Die Folge ist, dass die tatsächlich am Knochen ankommende Belastung sich zwischen verschieden gedämpften Schuhen weniger unterscheidet, als die Sohlendicke vermuten lässt.

Was Dämpfung trotzdem leistet:

  • Komfort über lange Distanzen. Nach 25 Kilometern ist das kein Nebenaspekt.
  • Entlastung bei höherem Körpergewicht. Hier ist der Effekt am deutlichsten.
  • Toleranz gegenüber harten Untergründen. Asphalt und Betonwege.

Was sie nicht leistet: eine zu schnelle Umfangssteigerung ausgleichen. Der häufigste Grund für Beschwerden bleibt das Trainingspensum, nicht der Schuh – siehe Beschwerden und Prävention.

Weich ist nicht gleich gedämpft

Zwei Eigenschaften werden im Handel gern in einen Topf geworfen: wie weich sich eine Sohle beim Hineindrücken anfühlt und wie viel Energie sie beim Laufen aufnimmt. Ein sehr weicher Schaum kann unter Laufbelastung schnell auf Anschlag gehen und dann härter wirken als eine mittelfeste Sohle mit mehr Material. Der Daumen im Laden ist deshalb ein schlechter Prüfer.

Verlässlicher ist der Probelauf über einige Minuten, möglichst auf dem Untergrund, auf dem der Schuh später eingesetzt wird. Das subjektive Komfortempfinden ist nach heutigem Stand einer der brauchbarsten Hinweise überhaupt, deutlich brauchbarer als jede Zahl im Datenblatt.

Sehr weiche Sohlen

Die maximal gedämpften Modelle der letzten Jahre haben einen Nebeneffekt: Je weicher und höher die Sohle, desto instabiler steht der Fuß. Bei müder Muskulatur oder auf unebenem Untergrund erhöht das die Belastung für das Sprunggelenk.

Für lange, langsame Läufe auf Asphalt ist das kein Problem. Für Tempoeinheiten und unebene Wege ist ein flacherer, festerer Schuh die verlässlichere Wahl.

Hersteller begegnen dem mit breiteren Sohlen, hochgezogenen Rändern und festeren Schaumzonen an der Außenseite. Ein Blick von unten hilft bei der Einschätzung: Eine schmale, hohe Sohle mit gerader Kante ist deutlich kippanfälliger als eine breite mit hochgezogenem Rand.

Welcher Schuh für welche Einheit

Wer zwei Paar im Wechsel nutzt, kann sie nach Einsatzzweck trennen. Die Zuordnung folgt der Intensität der Einheit, nicht dem Kalender:

Einheit Passende Bauart
lockerer Dauerlauf, Regeneration hohe Stapelhöhe, weiche Dämpfung
langer Lauf hohe Stapelhöhe, aber stabile Sohlenkonstruktion
Tempodauerlauf, Schwellenlauf mittlere Stapelhöhe, festerer Schaum
Intervalle, Steigerungen flach, leicht, fest
Wettkampf leichter Wettkampfschuh, vorher mehrfach getestet

Welche Einheit gerade welche ist, lässt sich über den Trainingszonen-Rechner sauber abgrenzen. Wer alle Einheiten im selben Schuh läuft, belastet dieselben Strukturen immer im selben Muster, und genau das ist der Mechanismus hinter vielen Überlastungsproblemen.

Wann das alles nicht gilt

Drei Fälle, in denen die obigen Regeln in den Hintergrund treten:

  • Beim ersten Paar überhaupt. Einsteiger sollten nicht nach Sprengung auswählen, sondern nach Passform und Komfort. Ein gedämpfter Neutralschuh mit 6 bis 10 Millimetern Sprengung ist der unauffällige Startpunkt, alles Weitere ergibt sich später.
  • Bei akuten Beschwerden. Ein Schuhwechsel ist keine Behandlung. Wer seit Wochen Schmerzen hat, ändert damit nur die Richtung der Belastung, nicht ihre Ursache.
  • Im Gelände. Auf Trails entscheiden Profil, Untergrundschutz und Verwindungssteifigkeit weit vor der Sprengung. Eine hohe, weiche Sohle ist auf Wurzelwegen ein Nachteil, kein Vorteil.

Typische Fehler

Die Sprengung isoliert betrachten. Ohne Stapelhöhe sagt die Zahl wenig über den Schuh aus.

Nach unten wechseln, weil es moderner klingt. Wer keine Kniebeschwerden hat, gewinnt durch eine niedrigere Sprengung nichts und riskiert eine Reizung der Achillessehne.

Die Umstellung mit dem langen Lauf beginnen. Genau die Einheit mit der größten kumulierten Belastung ist die schlechteste Testumgebung.

Maximaldämpfung als Sicherheitsmaßnahme verstehen. Mehr Schaum senkt weder das Verletzungsrisiko zuverlässig noch ersetzt er eine vernünftige Umfangssteigerung.

Zwei Schuhe mit identischer Bauart nebeneinander nutzen. Der Vorteil einer Rotation entsteht durch den Unterschied. Zwei baugleiche Paare halten zwar länger, verteilen die Belastung aber nicht anders.

Quellen

Veröffentlichungen, auf die sich dieser Text stützt. Die Auswahl ist eine redaktionelle Zusammenfassung, keine vollständige Literaturübersicht.

  1. Malisoux L et al.: Influence of the heel-to-toe drop of standard cushioned running shoes on injury risk in leisure-time runners: a randomized controlled trial with 6-month follow-up. American Journal of Sports Medicine, 2016. PubMed
  2. Nigg BM et al.: Running shoes and running injuries: mythbusting and a proposal for two new paradigms: 'preferred movement path' and 'comfort filter'. British Journal of Sports Medicine, 2015. PubMed
  3. World Athletics: Athletic Shoe Regulations. World Athletics, Book of Rules.

Häufige Fragen

Was bedeutet Sprengung beim Laufschuh?

Der Höhenunterschied zwischen der Sohlenhöhe unter der Ferse und der unter dem Vorfuß, angegeben in Millimetern. Ein Schuh mit 10 Millimetern Sprengung hebt die Ferse um einen Zentimeter gegenüber dem Vorfuß an.

Ist weniger Sprengung besser?

Nicht grundsätzlich. Eine niedrige Sprengung entlastet Knie und Hüfte, belastet dafür Achillessehne und Wadenmuskulatur stärker. Welche Variante passt, hängt davon ab, wo du Beschwerden hast oder hattest.

Wie viel Dämpfung brauche ich?

Für den Großteil der Wochenkilometer eine mittlere bis hohe Dämpfung. Bei schwereren Läufern und langen Distanzen darf es mehr sein, bei schnellen Einheiten weniger. Maximaldämpfung ist kein Sicherheitsgewinn.

Wie stelle ich auf eine andere Sprengung um?

Über mehrere Wochen und zunächst nur in kurzen, lockeren Läufen. Bei einem Unterschied von mehr als vier Millimetern rechne mit sechs bis acht Wochen, bis die Wadenmuskulatur sich angepasst hat.

Was ist der Unterschied zwischen Sprengung und Stapelhöhe?

Die Stapelhöhe gibt an, wie viel Sohlenmaterial unter Ferse und Vorfuß insgesamt liegt. Die Sprengung ist nur die Differenz dieser beiden Werte. Ein Schuh mit 38 Millimetern unter der Ferse und 30 unter dem Vorfuß hat 8 Millimeter Sprengung, ein flacher Schuh mit 18 und 10 Millimetern ebenfalls. Das Laufgefühl ist trotzdem völlig verschieden.

Brauche ich für unterschiedliche Einheiten unterschiedliche Schuhe?

Notwendig ist es nicht, sinnvoll oft schon. Ein gedämpfter Schuh für lange und lockere Läufe und ein flacherer, festerer für Tempoeinheiten decken zusammen fast alles ab und verteilen die Belastung im Bein auf zwei leicht unterschiedliche Muster.

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