Beschwerden
Seitenstechen
Harmlos, aber lästig. Und einer der wenigen Laufbeschwerden, gegen die es einen Handgriff gibt, der sofort wirkt.
Redaktion Lauf-Lust · Veröffentlicht am , aktualisiert am
Gegen akutes Seitenstechen hilft am zuverlässigsten dieser Ablauf: Tempo raus, tief in den Bauch einatmen und beim Ausatmen mit den Fingerspitzen in die schmerzende Flanke drücken. Vorbeugen lässt es sich vor allem über den Abstand zur letzten Mahlzeit, über verdünnte statt konzentrierte Getränke und über ein langsames Einlaufen.
Seitenstechen trifft fast jeden Läufer irgendwann, besonders am Anfang. Es ist harmlos, es hinterlässt nichts, und es kann trotzdem einen guten Lauf komplett verderben.
Was vermutlich passiert
Die verbreitetste Erklärung – ein Sauerstoffmangel des Zwerchfells – gilt inzwischen als unwahrscheinlich. Die bessere Erklärung ist eine Reizung des Bauchfells.
Die inneren Organe hängen an Bändern in der Bauchhöhle und bewegen sich beim Laufen mit jedem Schritt auf und ab. Dabei reiben die beiden Blätter des Bauchfells gegeneinander. Diese Häute sind sehr schmerzempfindlich, und die Reibung reizt sie.
Das erklärt einige Beobachtungen gut: warum ein voller Magen das Problem verschlimmert (mehr Gewicht, mehr Bewegung), warum es beim Radfahren und Schwimmen seltener auftritt (weniger vertikale Bewegung) und warum Anfänger häufiger betroffen sind (schwächere Rumpfmuskulatur, unruhigere Bewegung).
In der Sportmedizin läuft das Phänomen unter der Bezeichnung “exercise-related transient abdominal pain”, abgekürzt ETAP. Befragungen von Läufern zeigen: Ein Großteil kennt es aus dem vergangenen Jahr, in einem einzelnen Wettkampf trifft es grob jeden Fünften. Mit steigendem Alter und steigendem Trainingsstand nimmt die Häufigkeit ab, was gut zur Erklärung über Rumpfstabilität und Bewegungsökonomie passt.
Was sofort hilft
Der Handgriff, der bei den meisten innerhalb einer Minute wirkt:
- Tempo raus. Deutlich langsamer oder in den Gehschritt.
- Tief einatmen, bewusst in den Bauch, nicht flach in den Brustkorb.
- Beim Ausatmen mit den Fingerspitzen sanft in die schmerzende Seite drücken und dabei den Oberkörper leicht zu dieser Seite neigen.
- Zwei bis drei Atemzüge so wiederholen.
Ergänzend hilft es, die Arme über den Kopf zu strecken und die Flanke zu dehnen. Und der Klassiker mit dem Vorbeugen funktioniert bei manchen ebenfalls.
Wenn der Schmerz weg ist, das Tempo langsam wieder aufnehmen. Zu schnell wieder loszulaufen bringt ihn meist zurück.
Warum das funktioniert, lässt sich mit der Bauchfellerklärung gut zusammenbringen: Langsameres Laufen verringert die vertikale Bewegung der Organe, tiefe Bauchatmung verschiebt das Zwerchfell großzügiger und gleichmäßiger, und der Druck von außen stabilisiert die Bauchwand kurzzeitig. Die Seitneigung nimmt zusätzlich Spannung von den Aufhängebändern.
Wenn es im Wettkampf passiert
Im Training ist die Antwort einfach: gehen, bis es weg ist. Im Wettkampf stellt sich die Frage nach dem Zeitverlust, und da lohnt eine klare Entscheidungsregel statt einer Diskussion mit sich selbst auf der Strecke.
| Situation | Vorgehen |
|---|---|
| Erstes Ziehen, noch schwach | Schultern lockern, tiefer atmen, Tempo um 10 bis 15 Sekunden pro Kilometer zurück |
| Deutlicher Schmerz | 60 bis 90 Sekunden auf sehr langsames Tempo, Griff anwenden, dann wieder anziehen |
| Bleibt trotz Griff bestehen | Kurze Gehpause von 30 Sekunden, das ist billiger als drei Kilometer verkrampftes Laufen |
| Kommt sofort zurück, sobald du anziehst | Der Lauf wird eine Nummer langsamer zu Ende gebracht |
Der Rechenweg dahinter: 30 Sekunden Gehpause kosten bei einem Zielschnitt von 6:00 Minuten pro Kilometer etwa 20 bis 25 Sekunden Nettozeit. Drei Kilometer mit verkrampfter Atmung und 30 Sekunden pro Kilometer Einbruch kosten das Vierfache. Die frühe Pause ist fast immer die günstigere Entscheidung.
Die Auslöser im Überblick
| Auslöser | Warum er wirkt | Gegenmaßnahme |
|---|---|---|
| Vollständige Mahlzeit weniger als 2 Stunden vorher | Schwerer Magen, mehr Zug an den Aufhängebändern | 2 bis 3 Stunden Abstand |
| Konzentrierte Getränke (Saft, Softdrinks, hoch dosierte Sportgetränke) | Verweilen länger im Magen, ziehen Wasser in den Darm | Wasser oder verdünnte Lösung |
| Große Trinkmenge kurz vor dem Start | Gefüllter Magen schwingt mit jedem Schritt | Über den Tag verteilt trinken |
| Sofort im Zieltempo losgelaufen | Hohe Atem- und Schrittfrequenz von Sekunde eins an | 5 bis 10 Minuten locker einlaufen |
| Schwache Rumpfmuskulatur | Instabilere Bauchwand, mehr Organbewegung | Zwei Kräftigungseinheiten pro Woche |
| Rundrücken und eingesunkene Haltung | Enger Bauchraum, flachere Atmung | Aufrechte Haltung, Blick nach vorn |
| Kalte Luft, hektisches Hecheln | Flache, schnelle Brustatmung | Bewusst tiefer und ruhiger atmen |
| Bergablaufen | Höhere Aufprallkräfte, stärkere vertikale Bewegung | Schrittfrequenz erhöhen, Schritte verkürzen |
Was vorbeugt
Der Essenszeitpunkt. Der am besten dokumentierte Auslöser. Zwei bis drei Stunden Abstand zu einer vollständigen Mahlzeit, dreißig bis sechzig Minuten zu einer Kleinigkeit. Details unter Vor dem Laufen essen.
Keine großen Trinkmengen kurz vorher. Besonders keine stark konzentrierten Getränke wie unverdünnten Saft. Sie verweilen länger im Magen.
Langsam einlaufen. Die ersten fünf bis zehn Minuten bewusst locker. Wer sofort im Zieltempo losläuft, bekommt deutlich häufiger Seitenstechen. Welches Tempo für dich “locker” bedeutet, lässt sich mit dem Pace-Rechner grob eingrenzen.
Rumpfmuskulatur kräftigen. Eine stabilere Bauchwand reduziert die Bewegung der Organe. Die Übungen stehen unter Dehnen und Kräftigen.
Ruhige, tiefe Atmung. Nicht als Technik im Sinne eines festen Schrittrhythmus – dazu mehr unter Richtig atmen – sondern schlicht tief statt flach.
Der Zeitplan vor dem Lauf
Als praktische Orientierung für einen Lauf am späten Nachmittag oder für einen Wettkampfmorgen:
| Vorlauf | Was passt | Was nicht |
|---|---|---|
| 3 Stunden | Vollständige Mahlzeit mit Kohlenhydraten | Sehr fettige oder stark ballaststoffreiche Gerichte |
| 2 Stunden | Leichte Mahlzeit, etwa Porridge oder Weißbrot | Große Portionen, Hülsenfrüchte, Rohkost |
| 60 Minuten | Kleine Kohlenhydratportion, etwa eine Banane | Milchprodukte in größerer Menge |
| 30 Minuten | 200 bis 300 Milliliter Wasser | Unverdünnter Saft, Softdrinks |
| 15 Minuten | Ein paar Schlucke Wasser | Alles Feste |
Die Angaben sind Richtwerte, keine Vorschrift. Die individuelle Streuung ist groß: Manche laufen eine Stunde nach dem Mittagessen beschwerdefrei, andere brauchen vier Stunden. Wer regelmäßig betroffen ist, führt zwei Wochen lang ein kurzes Protokoll mit Uhrzeit, Mahlzeit, Getränk und Auftreten. Das Muster wird meist innerhalb weniger Läufe sichtbar.
Zu den Getränken
Die Getränkezusammensetzung ist untersucht worden, und das Ergebnis ist praktisch verwertbar: Stark konzentrierte, gezuckerte Getränke lösen häufiger und stärker Beschwerden aus als Wasser oder eine verdünnte Lösung. Der Grund liegt in der Verweildauer im Magen und im Wassereinstrom in den Darm.
Als Faustregel für den Lauf selbst: Kohlenhydratkonzentration im Bereich von sechs bis acht Prozent, also etwa 60 bis 80 Gramm pro Liter, ist gut verträglich. Fruchtsäfte liegen mit rund zehn bis zwölf Prozent darüber und werden für den Lauf am besten auf die Hälfte verdünnt. Mehr dazu unter Trinken beim Laufen.
Was nicht hilft
- Magnesium und Elektrolytpräparate. Seitenstechen ist kein Krampf. Der Zusammenhang ist nicht belegt.
- Die Luft anhalten. Bringt bei manchen kurzfristig etwas, verschlechtert aber die Atmung insgesamt und damit meist auch die Lage.
- Fester Atemrhythmus im Schrittmuster. Das oft genannte Schema mit einem festen Verhältnis von Schritten zu Atemzügen ist als allgemeine Regel nicht belegt. Tief statt flach zu atmen ist der wirksame Teil daran.
- Durchbeißen. Weiter im selben Tempo zu laufen führt fast immer dazu, dass der Schmerz bleibt oder zunimmt.
- Bauch einziehen. Verringert den Bewegungsraum des Zwerchfells und macht die Atmung flacher.
Wann es kein Seitenstechen ist
Seitenstechen sitzt seitlich, meist rechts unter dem Rippenbogen, ist stechend und verschwindet bei Tempoverringerung.
| Merkmal | Spricht für Seitenstechen | Gehört abgeklärt |
|---|---|---|
| Ort | Seitlich unter dem Rippenbogen | Brustmitte, hinter dem Brustbein |
| Verlauf | Verschwindet bei langsamerem Tempo | Bleibt oder nimmt zu |
| Nach dem Lauf | Innerhalb von Minuten weg | Hält an oder tritt in Ruhe auf |
| Begleitsymptome | Keine | Atemnot, Schwindel, Übelkeit, Ausstrahlung |
Nicht dazu passt und gehört sofort abgeklärt:
- Schmerz in der Brustmitte oder hinter dem Brustbein
- Ausstrahlung in Arm, Schulter oder Kiefer
- begleitende Atemnot, Schwindel oder Übelkeit
- Schmerz, der auch in Ruhe bleibt
In diesen Fällen ist der Lauf sofort zu beenden und ärztliche Hilfe zu suchen. Das ist kein übertriebener Hinweis, sondern die einzige richtige Reaktion.
Ein zweiter Fall für den Arztbesuch ist weniger dramatisch, aber ebenfalls sinnvoll: wenn die Beschwerden trotz Essenspause, verdünnter Getränke, langsamem Einlaufen und mehreren Wochen Rumpftraining bei praktisch jedem Lauf auftreten. Dann geht es nicht mehr um Seitenstechen im üblichen Sinn, und ein Blick auf Magen, Darm oder Zwerchfell ist die bessere Antwort als der nächste Handgriff auf der Strecke.
Quellen
Veröffentlichungen, auf die sich dieser Text stützt. Die Auswahl ist eine redaktionelle Zusammenfassung, keine vollständige Literaturübersicht.
- Morton D, Callister R: Exercise-related transient abdominal pain (ETAP). Sports Medicine, 2015. PubMed
- Morton DP, Callister R: Characteristics and etiology of exercise-related transient abdominal pain. Medicine & Science in Sports & Exercise, 2000. PubMed
- Morton DP, Aragón-Vargas LF, Callister R: Effect of ingested fluid composition on exercise-related transient abdominal pain. International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism, 2004. PubMed
Häufige Fragen
Was hilft sofort gegen Seitenstechen?
Tempo deutlich reduzieren oder gehen, tief in den Bauch einatmen und beim Ausatmen mit den Fingern sanft in die schmerzende Seite drücken. Zusätzlich hilft es, den Oberkörper leicht zur betroffenen Seite zu neigen und die Arme über den Kopf zu strecken.
Woher kommt Seitenstechen?
Die wahrscheinlichste Erklärung ist eine Reizung des Bauchfells: Die inneren Organe bewegen sich beim Laufen gegen die Bauchwand, und die dabei entstehende Reibung reizt die schmerzempfindlichen Häute. Die frühere Erklärung über einen Sauerstoffmangel des Zwerchfells gilt als überholt.
Wie verhindere ich Seitenstechen?
Zwei bis drei Stunden Abstand zur letzten größeren Mahlzeit halten, unmittelbar vor dem Lauf keine großen Mengen und keine stark konzentrierten Getränke trinken, langsam einlaufen statt sofort loszurennen und die Rumpfmuskulatur regelmäßig kräftigen.
Warum sitzt Seitenstechen meist rechts?
Weil auf der rechten Seite die Leber liegt, das schwerste Bauchorgan. Mehr Masse bedeutet mehr Zug an den Aufhängebändern und mehr Reibung an den Bauchfellblättern. Links kommt es ebenfalls vor, nur seltener, und beidseitig gleichzeitig ist ungewöhnlich.
Hilft Magnesium gegen Seitenstechen?
Nein. Seitenstechen ist kein Muskelkrampf, sondern eine Reizung von Häuten im Bauchraum. Für einen Zusammenhang mit dem Magnesiumhaushalt gibt es keinen belastbaren Beleg, und Magnesium in größeren Mengen vor dem Lauf kann den Magen zusätzlich belasten.
Ist Seitenstechen gefährlich?
Nein. Es hinterlässt keine Schäden und verschwindet nach dem Lauf von selbst. Anders ist es bei Schmerzen im Oberbauch oder Brustkorb, die mit Atemnot, Schwindel oder Ausstrahlung in Arm oder Kiefer einhergehen: Das gehört sofort ärztlich abgeklärt.
Redaktion Lauf-Lust · Veröffentlicht am , inhaltlich geändert am . Fehler gefunden? Schreib uns.